Jede Feder ist anders, so wie eine Handschrift

Wie Ihnen jeder Fachhändler mit Freude beweisen wird, kommt die Spezies der Füllhalters in sehr vielfältigen Varianten vor. Das gilt nicht nur für Form, Farbe, Material und Preis, sondern vor allem für die Federn, mit denen Füllfederhalter ausgestattet sind.

Da gibt es die oft prunkvollen Goldfedern, die bis zu einigen Zentimetern aus dem Griffstück ragen können, und jene, die wenig mehr als ihre Spitze zeigen. Da sind Edelstahlfedern und mattschwarz verchromte, Federn mit Platinbeschichtung usw., usw.

Nicht genug damit: Die meisten von ihnen werden Ihnen auch noch in neun verschiedenen Federbreiten angeboten. Stellen wir die Frage nach dem Material und der Größe zunächst einmal hintan, und beschäftigen wir uns mit den Federbreiten, d.h. mit der Form der Federspitzen. Neun Federbreiten! Sie werden sich fragen, muss das sein? Doch, es muss. Und es kommen sogar noch zwei Varianten für jene hinzu, die auch das Schreiben mit links erledigen, und jene, die mit dem Schreiben noch ihre Probleme haben. Gerade in dieser Vielfalt liegt Ihre Chance, den Füllfederhalter zu finden, der optimal zu Ihrer Handschrift und zu ihrer Handhaltung beim Schreiben passt.


Das Federn ABC

Die in Deutschland gebräuchlichsten Federbreiten tragen folgende Bezeichnungen, die Sie bisweilen auch in die Feder eingeprägt finden: EF, F, M, B, BB, MK, OM, OB und OBB. Hinzu kommen die LH- und die A-Feder. Versuchen wir zunächst, eine grobe Einteilung vorzunehmen.

Es gibt Federspitzen, die einen feinen, mittleren oder breiten Strich liefern. Daneben unterscheidet man noch zwischen den geraden und den abgeschrägten Federspitzen. Das Ganze ist weniger kompliziert, als es klingt. Beginnen wir mit den geraden Federspitzen. Dazu zählen EF (extrafein), F (fein), M (mittel), B (breit), BB (extrabreit) und MK (mittlere Kugelspitze). Die Spitzen dieser Federn sind symmetrisch und gerundet geformt.

Wie sie an den Abbildungen der entsprechenden Federn und ihrer Schriftproben erkennen können, bieten sie Ihnen vom haarfeinen bis zum kräftig-breiten Strich schon eine ganze Reihe von Wahlmöglichkeiten.
 
Die Strichbreite der Füllhalter reicht hier von etwa 0,45 bis zu 1,25 mm. Wem sind diese Federspitzen nun zu empfehlen? Zunächst einmal allen, die beim Schreiben die normale Haltung einnehmen und dabei das Handgelenk nicht stark abwinkeln. Wer eine kleine und filigrane Handschrift mit eng beieinander stehenden Buchstaben schreibt, sollte es vielleicht zunächst einmal mit der extrafeinen EF- oder der feinen F-Feder probieren.

Nun zu den geraden Federspitzen, die deutlich breitere Striche liefern. Es sind die M-, B- und BB-Federn. Sie sind eher für „offene“ oder raumgreifende Handschriften geeignet, bei denen die Buchstaben nicht allzu dicht gedrängt stehen. Gegenüber den extrafeinen und feinen Federn haben diese eine größere Auflagefläche und kennen folglich keine Anschreibprobleme, weil man sie nicht ganz exakt unter einem bestimmen Winkel aufs Papier setzen muss.

Schließlich wäre da noch eine besondere Federspitze, die sich weder den geraden noch den abgeschrägten zuordnen lässt. Es ist die MK, eine echte Allround-Feder, mit der viele Menschen gut zurechtkommen. Denn sie besitzt en allseitig gerundetes Federkorn, liefert einen gleichmäßigen strich mittlerer Breite und eine etwas kleinere Auflagenfläche als die M-Feder. Ein Füllhalter mit MK-Feder, aber auch die F- und M-Feder, kann man für Schüler (nicht für ABC-Schützen) und junge Leute in Betracht ziehen.

Grundsätzlich sollte man für junge Leute eine mittelbreite Feder wählen. Eine Anpassung ist ja später durch einen Federumtausch möglich. Da die Handschriften junger Leute noch in der Entwicklung begriffen sind, könnte es sein, dass schon nach kurzer Zeit eine andere Federbreite notwendig wird.


Nicht schräg, aber abgeschrägt

Damit kämen wir nun zu der großen Gruppe der Federspitzen, jenen, deren Kennzeichnungen mit einem O beginnen: OM, OB und OBB. Das O steht dabei für „oblique“, das französische Wort für schräg. Alle diese Federspitzen haben ein abgeschrägtes Federkorn, und sie erzeugen einen mittleren, breiten oder extrabreiten Strich (zwischen 0,75 und 1,25 mm). Warum diese Abschrägung? Nun, ursprünglich wurden diese Federn geschaffen, um jenen Schreibern entgegenzukommen, die eine „ungewöhnliche“ Handhaltung bevorzugen, sei es, dass sie ihr Handgelenk stärker als üblich abwinkeln, dass sie ihren Füllfederhalter anders zwischen die Finger nehmen als die meisten anderen Schreiber. Ihnen macht es diese Federspitze leichter, gut zu schreiben.

Sollten Sie zu diesen unorthodoxen Schreibern gehören, so probieren Sie diese abgeschrägten Federspitzen, die ebenfalls ausdrucksvolle Schriftbilder liefern. Die OM eher bei kleinen, filigranen Schriften; die beiden breiteren bei großzügigerem Schriftcharakter. Und noch ein Hinweis: Es hat sich gezeigt, dass OM-, OB- und OBB-Federn im allgemeinen für Linkshänder nicht ideal sind.


Mit links für Anfänger

Womit wir beim Thema Linkshändigkeit und der frage angelangt wären, welche Federspitzen hier in Frage kommen. Die Praxis zeigt, dass Linkshänder in vielen Fällen mit einer geraden M-Federspitze oder mit der gerundeten MK-Federspitze überraschend gut zurechtkommen. Ist dies nicht der Fall, gibt’s natürlich auch hier eine spezielle Federspitze, die LH. Ihr Schreibkorn ist nach links hin abgeschrägt, ihre Strichbreite entspricht etwa der einer M- oder OM-Feder.

Bliebe noch die Feder, die von ihrer Bezeichnung her eigentlich am Beginn des Federn-ABC’s stehen müsste, die A-Feder. Sie ist für die Schreibanfänger bestimmt, für ABC-Schützen. Diese Stahlfedern sind so steif, dass sie dem oft noch zu starken Schreibdruck der lieben Kleinen widerstehen, ohne sich gleich zu spreizen. Ihr Federkorn ist so geformt, dass ein gleichmäßiger und nicht zu dünner Strich entsteht, wie ihn die Pädagogen so gern sehen.


Federn für Kunstvolles

Wäre zum Schluss und der Vollständigkeit halber noch auf eine Sonderform der Füllfederhalter hinzuweisen: die Schönschreib- bzw. Kalligraphiefedern. Das sind Federn mit gerader Spitze, die breite oder extrem breite, zugleich aber auch hauchfeine Striche liefern. Anders gesagt: Sie erzeugen Schriftbilder, für die ein markanter Wechsel zwischen feinen und breiten Auf- und Abstrichen charakteristisch ist.

Weil Kalligraphiefedern normalerweise nicht für die tägliche Korrespondenz verwendet werden, werden sie in speziellen Füllfederhaltern mit langem Schaft angeboten. Wenn Sie also beispielsweise Einladungen oder Speisenkarten in kunstvoller Handschrift schreiben möchten und wenn Sie die Geduld aufbringen, zu üben, dann sollten Sie an einen Füllhalter mit Kalligraphiefeder denken. Er ist übrigens ein von vielen Kindern und Jugendlichen heiß begehrtes Geschenk.

 

 

 

 


Quelle: Lamy